Bülent’s WM Welt
oder: „Wie Parkinson den Weg zur Weltmeisterschaft freimachte„
Manchmal klingt es makaber, wenn man es in Worte fasst: Dieser verdammte Morbus Parkinson hat in meinem Leben auch Positives erzeugt. Aber wer das sagt, sagt es nicht aus Trotz und nicht aus Schönrederei. Sondern aus Erfahrung.
Denn während andere vielleicht nach den ersten Rückschlägen das Handtuch werfen, hat Parkinson bei mir offenbar etwas anderes gemacht: Er hat mir Türen geöffnet.
Seitdem male ich wieder – und zwar nicht „so ein bischen“, sondern mit echter Leidenschaft. Mittlerweile liegen zwei Ausstellungen hinter mir. Zwei Gelegenheiten, bei denen Bilder nicht nur entstanden sind, sondern gesehen wurden.
Und nicht nur gesehen: Es wurden sogar Exemplare verkauft. Das fühlt sich an wie Anerkennung auf leisen Sohlen — ohne Lärm, aber mit Gewicht.

Ein Verein, neue Freunde, und eine Sportart, die klebt wie Motivation
Dann kam die nächste Wendung:

Ich habe eine neue Sportart für mich entdeckt: Tischtennis. Und zwar nicht irgendwo im Hinterhof, sondern im Verein SC Buschhausen 1912 e.V. — zusammen mit neuen Freunden, mit denen das Training nicht nur Training ist, sondern fast schon enge Gemeinschaft.
Und das Beste: Ich habe nicht nur mit dem Spielen angefangen. Ich bin auch dabei geblieben. So intensiv, dass ich in diesem Jahr das erste Mal sogar an der PPP-Weltmeisterschaft in Hannover teilgenommen habe. Allein der Gedanke daran hatte mich extrem nervös gemacht.
Das Ziel: 1 bis 2 Siege — am Ende wurden es acht
Wer mich kennt, weiß: Wenn ich etwas mache, dann will ich nicht nur „mitmachen“. Ich will mindestens etwas erreichen. Mein Plan für die Weltmeisterschaft war daher klar und bodenständig: mindestens ein bis zwei Spiele gewinnen.

Und dann kam es doch anders — besser. Wie ich finde, mit einem richtig guten Ergebnis:
Von insgesamt zwölf Spielen habe ich acht gewonnen und vier verloren. Im Einzel und im Doppel. Für einen Menschen, der kurz vor dem Start fast schon innerlich auf „standby“ war, ist das ein Statement: Du kannst nervös sein und trotzdem erfolgreich sein!
Hannover 2026: das erste Mal international — und die Nervosität als überraschender „Mitspieler“
Trotz oder gerade wegen des Erfolges hat dieses Ereignis mein Jahr 2026 extrem beeinflusst. Zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei — international. Das ist nicht nur Sport. Das ist Bühne. Das ist Bedeutung.
Und diese Bedeutung hatte ihren Preis: Meine Nervosität war so präsent, dass sie letztlich daran schuld war, dass ich frühzeitig aus dem Turnier ausgeschieden bin. Klingt wie ein Widerspruch in einem einzigen Satz — und vielleicht ist es das auch: Erfolg im Ergebnis, aber nicht bis ganz zum Ende.
Verantwortung, die man im Spiel spürt: angetreten für die Türkei
Beim ersten Einsatz begannen die Dinge mit ganz besonderen Gefühlen:
Aufgeregt, konzentriert — und gleichzeitig stolz. Zum ersten Mal stand ich im Rahmen einer Weltmeisterschaft auf internationaler Bühne.
Doch es ging für mich nicht nur um sportliche Ziele. Es ging auch um eine Verbindung, die klar war und zugleich außergewöhnlich.
Ich bin aus dem Oberhausener Verein heraus für die Türkei angetreten. Durch meine doppelte Staatsbürgerschaft hatte ich die Möglichkeit, für die Türkei zu starten.
Das bedeutete: Ich durfte mit den offiziellen Outfits der türkischen Nationalmannschaft antreten — natürlich mit Erlaubnis des Türkischen Tischtennis-Verbandes.
Und schon bei diesem ersten Schritt merkte man: Wenn man für ein Land spielt, dann ist das keine Theaterkulisse. Man spürt die Verantwortung nicht nur im Kopf — sondern vor allem im Spiel. In den Momenten, in denen ein Fehler zu viel ist. In denen, man einen Tick zu langsam wurde. In denen, in denen man plötzlich merkte, dass nicht nur das Schlägergefühl entscheidet, sondern auch die eigene Haltung.
Glücksmoment am Rand: Hoher Besuch
Dass das Ganze nicht „nur sportlich“ war, zeigte auch der Besuch des türkischen Generalkonsuls, begleitet von seiner Ehefrau, in Hannover. Für meine Teilnahme unter der Flagge der Türkei zollte er mir Respekt, war ich doch auch der erste und einzige türkische Teilnehmer.

Solche Momente sind kurz, aber sie bleiben weil sie zeigen: Mein Engagement ist gesehen worden.
Vorrunde geschafft, Gruppendritter — Weiter in die Hauptrunde
Sportlich wurde es schnell spannend. In meiner Gruppe stellte ich früh die Weichen fürs Weiterkommen. Und am Ende reichte es: Als Gruppendritter schaffte ich den Sprung in die Hauptrunde.
Es war dieses Gefühl nach der Vorrunde, dass man nicht schönreden muss. Nicht „ach, war schon irgendwie okay“. Sondern: „Das passt“. Vorbereitung und Leistung haben ineinandergegriffen.
Doppel am zweiten Spieltag: gemeinsam mit Dennis zum Erfolg
Und dann kam der zweite große Schritt:

Bereits am zweiten Spieltag trat ich zusätzlich im Doppel an. Gemeinsam mit Dennis. Wir hatten erst bei dieser WM zum ersten Mal gemeinsam hinter der Platte gestanden — und trotzdem lief es.
Wir gewannen alle drei Gruppenspiele in der Vorrunde souverän und durften als Gruppenerster in die Hauptrunde. Auch dort haben wir ein gutes Ergebnis geholt: einen Sieg und eine Niederlage.
Fazit: Parkinson als Starthilfe sehen — nicht als Ende!
Wenn ich auf dieses Jahr schaue, dann steht da eine paradoxe Bilanz:
Parkinson — der eigene Gegner — hat in meinem Leben nicht nur negative Grenzen gesetzt, sondern auch positive Entscheidungen ausgelöst. Malen statt Stillstand. Tischtennis statt Rückzug. Verein statt Einsamkeit. Weltmeisterschaft statt „vielleicht irgendwann“.
Und so bleibt am Ende eine Geschichte, die nicht nur aus Sport besteht, sondern aus Neuanfang: aus Nervosität, die man aushält,
aus Zielen, die man übertrifft,
und aus einem Jahr 2026, das sich angefühlt hat wie eine große Reise — mit dem Schläger in der Hand und Mut im Gepäck.
Zu guter Letzt: Gespräche über die Gründung einer Parkinson-Gruppe innerhalb des türkischen Tischtennis-Verbandes haben begonnen.
Die Parkinson Reise geht weiter!
„Danke“ Mr. Parkinson! „Teşekkür ederim“ Bay Parkinson!

Autor: Bülent Firat alle Bilder (c)
redaktionelle Bearbeitung: Timo